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Print unverzichtbar für Leseverständnis und kritisches Denken von Schülern

Eine Metaanalyse zur Entwicklung des Lesens belegt: Leser jeden Alters verstehen lange Informationstexte auf Papier objektiv besser als auf dem Bildschirm. Indem Schulen das digitale Lesen verstärkt und ohne geeignete und empirisch validierte Lerntools und -technologien fördern, könnte sich die Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses verzögern. Dasselbe gilt für die Fähigkeit der Schüler zu kritischem Denken, eine Schlüsselkompetenz der Demokratiebildung. Der bvdm und ver.di fordern daher, dass Schulen und Bildungseinrichtungen vorrangig auf die Stärken von Print setzen, da bislang keine verlässlichen pädagogischen Strategien und Instrumente vorliegen, die Schülern zu vergleichbar vertieftem Lesen und damit erfolgreichem Lernen auch auf digitalen Geräten verhelfen.

Europa erfährt eine immer schnellere und umfassendere Digitalisierung. Diese stellt bisherige Lesegewohnheiten infrage. Leser verwenden etwa zunehmend weniger Zeit auf längere Texte. In internationalen Lesevergleichen übertreffen Schüler aus Asien, Kanada und Ozeanien die europäischen gleich in mehrfacher Hinsicht. Jedem fünften Schüler in Europa fehlen ausreichende Lesekompetenzen, auch in Deutschland, so das Ergebnis der aktuellen PISA-Studie. Dabei nimmt die Lese- und Schreibfähigkeit in der EU-Wachstumsstrategie „Europa 2020“ eine Schlüsselrolle ein.

Im Rahmen der EU-geförderten Initiative „COST Action E-READ“ haben fast 200 Wissenschaftler aus ganz Europa vier Jahre lang (2014–2018) den Einfluss der Digitalisierung auf das Leseverhalten untersucht. Die Initiative be¬gründete auch eine Metastudie von Pablo Delgado und Kollegen mit. Diese analysierte 54 Einzelstudien (2000–2017) mit über 170.000 Teilnehmern aus 19 Ländern. Die 2018 veröffentlichte Studie ergab, dass Papier weiterhin das bevorzugte Medium zum Lesen längerer Einzeltexte ist. Dies gilt vor allem im Hinblick auf ein tieferes Verständnis und das Behalten (Retention) des Gelesenen.

Papier unterstützt insbesondere unter Zeitdruck das Lesen langer Informationstexte am besten. Letzteres hat für kognitive Leistungen wie Konzentration, Aufbau des Wortschatzes und Erinnerung unschätzbaren Wert. Am Bildschirm überschätzen die Leser ihr Leseverständnis dagegen. Sie neigen dazu, die Information zu überfliegen. Unabhängig vom Alter und der vorherigen Erfahrung mit digitalen Umgebungen haben die Nachteile des Lesens am Bildschirm gegenüber dem auf Papier über die Jahre sogar zugenommen, selbst unter Digital Natives. Forschungen in Ländern außerhalb Europas bestätigen diese Befunde, die nun in eine gemeinsame Erklärung von mehr als 130 Wissenschaftlern der Initiative eingingen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen PISA-Studie und mit Blick auf den im Mai 2019 gestarteten „DigitalPakt Schule“ von Bund und Ländern fordern der bvdm und ver.di die politischen Entscheidungsträger auf, die Entwicklung des Leseverständnisses und die Fähigkeit zu kritischem Denken von Schülern umgehend zu stärken. Gedruckte Lehrbücher, Zeitungen und Zeitschriften fördern das konzentrierte vertiefte, das heißt sinnerfassende, Lesen erwiesenermaßen. Dieses ermöglicht uns, komplexe Zusammenhänge zu begreifen.

Der bvdm und ver.di rufen die Bundesregierung daher auf:

  • Erkennen Sie die signifikante Bedeutung gedruckter Lernmaterialien für das Verständnis von Information an.
  • Machen Sie insbesondere Grundschulpädagogen darauf aufmerk-sam, dass digitales Lesen ohne geeignete Strategien und Tools die Entwicklung des Leseverständnisses und des kritischen Denkens der Schüler verzögern kann.
  • Fördern Sie auch weiter die Verwendung gedruckter Materialien in Schulen und geben Sie Print den Vorrang, solange die Bedingungen, die Lernen und Verständnis beim digitalen Lesen behindern, nicht sorgfältig empirisch untersucht und pädagogisch berücksichtigt sind.
  • Stärken Sie die systematische unabhängige Erforschung der Wirkung der Digitalisierung auf das Leseverständnis und die Fähigkeit zu kritischem Denken.
  • Berücksichtigen Sie die Bedeutung von Print für die Bildung im Dienst der Aufklärung bei der Umsetzung des „DigitalPakts Schule“ und in allen vergleichbaren digitalen Initiativen.

Bundesverband Druck und Medien e. V. (bvdm)
ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft

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